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„Laudato si, mi Signore“ - Die neuen Schreiterfenster in der Franziskanerkirche

 

 

 

Eine Interpretation.

Im Ostchor der Franziskanerkirche sind Glasfenster  von Johannes Schreiter eingebaut. Der Heidelberger Theologe  Theo Sundermeier hat sie interpretiert und dabei die Beziehung zu den anderen Fenstern herausgearbeitet,  denn man sollte die Fenster im Zusammenhang sehen. Dabei hat Sundermeier auf für mich ganz neue Aspekte hingewiesen. Zum Beispiel hat er die seltsamen Quadrate und Rechtecke in den Fenstern als einen singenden Chor gedeutet. Bei allen  Fenstern geht es ja um den Sonnengesang, der  für Gott erklingt. Jedes unregelmäßige Viereck steht für einen Sänger oder eine Sängerin. Individualität, Kantigkeiten und Verletztheiten werden dabei nicht ausgeblendet, kein Viereck ist wie das andere.

Wenn Sie möchten, besuchen Sie doch mit etwas Zeit die Franziskanerkirche und schauen Sie sich die Fenster in Ruhe oder zusammen mit einem Gesprächspartner an.  Ich halte es für das Beste, wenn man sich die Fenster im Original ansieht, weil kein Foto den Gesamteindruck richtig wiedergeben kann. Ich möchte in den nun folgenden Gedanken versuchen,  Sie als Leserinnen und Leser zu eigenen Entdeckungen anzuregen.

Einen guten Zugang zu den Fenstern könnte man finden, wenn man zuerst die Liedzeilen des Sonnengesangs liest, um die es in den Fenstern geht. Bei den neuen Fenstern hat Johannes Schreiter die folgende  Strophe des Gesanges  gestaltet:

 

 „Gelobt seist du, mein Herr,

durch Bruder Wind und durch Luft,

und Wolke und heiteres und jedes Wetter,

die sanft oder streng, nach Deinem Willen,

die Wesen leiten, die durch dich geschaffen sind.

 

„Bei jedem Wetter“, das bedeutet in unseren Breiten, dass man auch mit einem Unwetter rechnen muss. Und richtig:  Auf der linken Seite des zweiten Fensters ist eine gelbe Zickzack-Linie zu erkennen. Ein Blitz fährt durch die Wolken herab. Seine Gewalt ist so heftig, dass sogar einzelne Fenster zerborsten zu sein scheinen. An der Stelle, an der der Blitz aus den regenschweren  blaugrauen Wolken zuckt, öffnet sich eine Schleuse des Himmels und es regnet herab, ähnlich wie schon beim Fenster von „Schwester Wasser“. Soll das neue Fenster  etwa an Sintflut und Untergang erinnern? Jedenfalls spricht es deutlich die Energie und Tödlichkeit der Schöpfung an. Auf der rechten Hälfte des „Blitzfensters“ entdeckt man wieder, in Abständen übereinander,  die Vierecke: zwei gelbe und elf weiße. Vielleicht  Menschen, die ihren Lobgesang  oder ihr Gebet wie Impulse zu Gott empor senden: „Laudato si, mi Signore!“

Über dem Bereich des irdischen Wolkenhimmels, im Maßwerk des gleichen Fensters ganz oben, beginnt der göttliche Himmel. Dort kehrt Ruhe ein: Der goldene Dreipass scheint wie Gott Licht und Wärme auszustrahlen, obwohl auch dieser Bereich von den dunklen Wolken Notiz nimmt. Denn Gott ist kein Leid der Menschen fremd. Doch auch die  gelbe Farbe des Blitzes spiegelt etwas von der Energie  Gottes und zeigt uns: Wir sind Kreatur.

Nun betrachten wir noch das zweite neue Fenster ganz außen: Das Unwetter scheint sich beinahe verzogen zu haben, aufgelockerte Bewölkung ist zu sehen. Heiteres Wetter bahnt sich an. Wieder lohnt sich zuerst der Blick auf die Textzeile des Sonnengesangs, die wir im Fenster erkennen können: Gott leitet nach seinem Willen die Wesen, die geschaffen sind, heißt es dort.

Manchmal ist in der Bibel von der Hand Gottes die Rede, wenn Menschen sein Eingreifen deutlich spüren:  Mit starker Hand führte er das Volk Israel aus Ägypten. Auf dem Glasfenster sieht man die stimmgabelförmige Hand Gottes aus dem Himmel ragen. Sie erinnert mich an die Bilder von der Hand Gottes, wie sie häufig auf den Kirchenmosaiken von Ravenna  zu sehen ist. Sogar das kleine Maßwerkfenster ist ganz erfüllt von dieser Hand. Sie zeigt ein Stück vom Innersten Gottes: Seine Zuwendung. Er leitet, um mit den Worten des Sonnengesangs zu sprechen, die von ihm geschaffenen Wesen.  Die Stimmgabelform der Hand Gottes ähnelt den mit gelber Farbe gefüllten U-förmigen Winkeln in den großen Mittelfenstern. Die Winkel unten öffnen sich zum Lob nach oben, die Hand Gottes öffnet sich nach unten. Die Hand Gottes weist den Weg: Ein ausgestreckter Finger zeigt nach vorne  in den Ostchor. Sundermeier hat in seinem Matinéevortrag darauf hingewiesen, dass die Hand Gottes die Eintretenden auf die Mitte, auf das Sonnenfenster hinweist. Wer dagegen die Kirche verlässt, scheint Gottes Hand stützend im Rücken zu haben.

 

 

Wenn man genau hinblickt, ist im Handteller der göttlichen Hand ein orangeroter Fleck zu entdecken. Die von Schreiter sehr sparsam verwendete Farbe „orangerot“ kommt noch einmal im Ursprung des Blitzes vor und im Zentrum des Sonnenfensters, in der Sonne: geballte göttliche Energie offensichtlich. Doch das Rot in der Hand könnte auch ein Zeichen für das Mitleiden Gottes sein, ein Hinweis auf die Wundmale Christi. Diese Wundmale zeigt ja auch unten im Riemenschneideraltar  die Figur des Franziskus. Das Rot steht natürlich auch für die Liebe und Zuwendung Gottes. Mehrere Verständnismöglichkeiten bahnen sich an, so ist das eben bei Bildern. Die Mehrdeutigkeit von Kunst regen das eigenen Nachdenken an: Vielleicht entdecken Sie auch anderes auf den neuen Fenstern und kommen darüber miteinander ins Gespräch. Und zum Lob Gottes. Dann hätten die Fenster ihre Aufgaben erfüllt.


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Oliver Gussmann,  10.05.2009
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